Noch geniessen Tausende Jugendliche die Sommerferien. Im August beginnt für einige von ihnen die nächste Etappe auf ihrem Bildungsweg – Lehre oder
Gymnasium. Das schweizerische Bildungssystem verspricht Aufstiegschancen und Zugang zu weiterführender Bildung auf allen Bildungswegen. In der Realität
wird dieses Versprechen nicht immer eingelöst: Im Bildungssystem lassen sich Benachteiligungen von migrantischen Jugendlichen, auch nach dem Übergang in
die Sek II, feststellen. Eine neue Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW, gefördert durch den Schweizerischen Nationalfonds (SNF), beleuchtet
Mechanismen, die zu dieser Diskrepanz beitragen. Die Studie untersuchte, wie Berufsfach- und Gymnasiallehrpersonen über Leistung,
Chancengleichheit, Migration und Geschlecht denken. Dabei zeigte sich, dass Lehrpersonen Bildungsleistungen teilweise einseitig interpretieren. Strukturelle
Ungleichheiten und migrationsbedingte Benachteiligungen werden dabei häufig zu wenig berücksichtigt. Dies deutet darauf hin, dass den unterschiedlichen
Ausgangslagen der Schüler*innen nicht immer ausreichend Rechnung getragen wird. In der Folge werden bestehende Ungleichheiten eher reproduziert statt
abgebaut – trotz formell gegebener Aufstiegschancen. Zwischen individueller Leistung und pädagogischer Verantwortung Das Leitbild der
«Durchlässigkeit» prägt die Vorstellung über Bildungsmöglichkeiten. Aus Sicht der Berufsfachlehrpersonen ist es vor allem der individuellen Leistung zu
verdanken, wenn sich Jugendlichen weitere Bildungschancen eröffnen. Die Studie zeigt, dass dabei schulische Leistungsfähigkeit eng an «gute
Deutschkenntnisse» geknüpft wird. «Deutsch ist in den Gesprächen mit Lehrpersonen praktisch allgegenwärtig. Andere Sprachen treten dahinter zurück»,
sagt Co-Studienleiterin Prof. em. Dr. Maritza Le Breton von der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. «Geringe Deutschkompetenz wird dabei schnell mit
fehlender Kompetenz insgesamt gleichgesetzt». Viele Schüler*innen verfügen jedoch über andere Sprachkompetenzen, die im Bildungssystem weniger
berücksichtigt oder als Defizit interpretiert werden. Die Verantwortung, dieses «Defizit» zu überwinden, wird den einzelnen Lernenden und Schüler*innen selbst
überlassen. Dies zeigt sich sowohl in der beruflichen Ausbildung als auch im Gymnasium. Erwartungen prägen Bildungschancen Die
Einschätzungen der befragten Lehrpersonen stehen in engem Zusammenhang mit den wahrgenommenen Sprachkompetenzen. Wird Deutsch nicht als
Erstsprache wahrgenommen, werden Lernende und Schüler*innen häufig pauschal als «migrantisch» kategorisiert. Damit einher gehen Vorstellungen über
mangelnde familiäre Unterstützung oder geringere Leistungsfähigkeit. Diese (unbewussten) Annahmen beeinflussen die Erwartungen gegenüber
Lernenden und Schüler*innen. «Tiefe Erwartungen der Lehrpersonen können es den Lernenden erschweren, ihre tatsächlichen Fähigkeiten zu zeigen», sagt Co-
Studienleiterin Dr. Susanne Burren von der Pädagogischen Hochschule FHNW. Lernende und Schüler*innen, die als «migrantisch» wahrgenommen werden,
haben geringere Bildungschancen, da sie tendenziell weniger gefördert werden und eher Rückmeldungen erhalten, die ihre Position im bestehenden System
bestätigen. «Es handelt sich um ein alltagstheoretisches Muster, dessen Reflexion und Einordnung ein wichtiger Bestandteil professionellen Handelns von
Lehrpersonen ist», sagt Maritza Le Breton. Viele Lehrpersonen sind sich der Problematik der Chancenungleichheit bewusst. Als zentrale Herausforderung für die
Umsetzung von Veränderungen wird jedoch die fehlende institutionelle Unterstützung genannt. Gleichzeitig erschwert der verbreitete Glaube an die hohe
Durchlässigkeit des Schweizer Bildungssystems eine kritische Auseinandersetzung: Ungleiche Bildungschancen werden von den befragten Lehrpersonen eher
auf «Herkunft», Geschlecht oder «Nationalität» der Lernenden als auf strukturelle Bedingungen zurückgeführt, so das Fazit der Studie. Kontakt
Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW
Über die Studie Die Studie «Migrationsgesellschaftliche Verhältnisse im Kontext beruflicher und
gymnasialer Bildung» (GEMI III) basiert auf 66 geschlechterparitätisch geführten Expert*inneninterviews mit Lehrpersonen der Sekundarstufe II an
Berufsfachschulen und Gymnasien im Bildungsraum Nordwestschweiz (Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Solothurn). Die Auswahl orientierte sich an
geschlechtstypisch geprägten Ausbildungsfeldern und gymnasialen Schwerpunktfächern in den Bereichen Wirtschaft, Informatik, Sozial- und Gesundheitswesen
sowie Wirtschaft und Recht, Physik und Anwendungen der Mathematik und Philosophie/Pädagogik/Psychologie. Untersucht wurden explorativ Differenzierungs-
und Othering-Prozesse im Kontext von Migration und Geschlecht. Ergänzend fanden im Jahr 2025 Gruppendiskussionen mit denselben Lehrpersonen statt, um
kollektive Orientierungen zu rekonstruieren und die Ergebnisse zu validieren. Weitere Informationen auf www.fhnw.ch
Die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW Die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW mit Standorten in Olten und Muttenz ist lokal und regional
verankert, international vernetzt und in ihren Leistungen in Aus- und Weiterbildung, Forschung und Dienstleistung breit anerkannt. In ihrem Forschungs- und
Entwicklungsschwerpunkt «Soziale Innovation» analysiert, initiiert und begleitet sie Innovationsprozesse in Kooperation und im Austausch mit der Praxis. Sie
fördert damit die Professionalisierung der Sozialen Arbeit und trägt massgeblich zum Verständnis und zur innovativen Bearbeitung sozialer Probleme und
gesellschaftlicher Herausforderungen bei. Weitere Informationen auf www.fhnw.ch/hsa Die Pädagogische Hochschule FHNW Die Pädagogische Hochschule FHNW mit den Standorten Brugg-Windisch, Muttenz und Solothurn bietet Aus- und Weiterbildungen für alle Lehrberufe von
der Kindergartenstufe bis zur Sekundarstufe II an und qualifiziert Fachpersonen in den Bereichen Logopädie und Sonderpädagogik. Zusätzlich engagiert sich die
PH FHNW in der praxisorientierten Forschung und Entwicklung und leistet Beratungen und Dienstleistungen an Personen und Organisationen des schulischen
Umfelds. Weitere Informationen auf www.fhnw.ch/ph Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW
Hochschule für Soziale Arbeit
Prof. em. Dr. Maritza Le Breton
Dozentin Institut Integration und
Partizipation Hochschule für Soziale Arbeit FHNW
T +41 62 957 20 93
maritza.lebreton@fhnw.ch
Pädagogische Hochschule
Dr. Susanne Burren
Leiterin Gleichstellung und Diversity Pädagogische Hochschule FHNW
T +41 56 202 70
81
susanne.burren@fhnw.ch
Dominik Lehmann
Leiter Kommunikation
FHNW
Bahnhofstrasse 6
5210 Windisch
T +41 56 202 77 28
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