Saurer Regen, Überdüngung, Hitzesommer - die Lebensbedingungen für Pflanzen in Europa
haben in den letzten Jahrzehnten einen starken Wandel durchlaufen. Bislang fehlte jedoch der grosse
Überblick, welchen Effekt dies auf die Biodiversität hat. "Wenn man nur einige Daten aus den
letzten zwanzig Jahren herauspickt, so kann das schnell zu falschen Schlussfolgerungen führen",
sagt der Ökologe Jürgen Dengler, der vom SNF im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms
"Biodiversität und Ökosystemleistungen" (NFP 82) gefördert wird. Er hat mit seinem Team an der
Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) an einer internationalen Studie
mitgewirkt, die diese Lücke nun schliesst. Die Analyse beruhte auf einer riesigen Datenbank,
dem European Vegetation Archive (EVA). Dieses enthält die Ergebnisse von über zwei Millionen
Bestandesaufnahmen, die beispielsweise für Forschungszwecke oder Naturschutzprojekte
durchgeführt wurden. Derartige Untersuchungen erfassen auf definierten Probeflächen -
typischerweise zwischen einem und 400 Quadratmetern - Pflanzenarten und deren Häufigkeit.
Gezählt wird dabei alles, vom kleinsten Vergissmeinnicht und Gänseblümchen bis hin zur dreissig
Meter hohen Buche. Das europäische Team nutzte 650'000 dieser Bestandsaufnahmen, die
zwischen 1960 und 2020 durchgeführt wurden, nun erstmals für eine zeitliche Analyse. Für die
meisten dieser Flächen lagen bisher keine Informationen über Faktoren wie Nährstoffe oder
Lichtverhältnisse vor, also etwa, ob die Erde viel Stickstoff enthält oder ein dichtes Blätterdach den
Waldboden beschattet. Das Projektteam rekonstruierte dies deshalb anhand des
Vorkommens von sogenannten Zeigerpflanzen, die bestimmte Umweltbedingungen bevorzugen. Ein
Beispiel dafür ist der Löwenzahn, der auf stickstoffreichen Wiesenböden besonders gut gedeiht. "Für
das Projekt haben wir erstmals aus über dreissig unterschiedlichen Systemen zur Einteilung von
Zeigerpflanzen ein gemeinsames europäisches Konsensus-System entwickelt", so Dengler.
Kunstdünger, Verkehr und Industrie sind problematisch Mit Hilfe einer KI werteten die
Forschenden dann die über Jahrzehnte erfassten Bestandsaufnahmen aus. So konnten sie ermitteln,
wie die Pflanzengemeinschaften über 60 Jahren hinweg in vier verschiedenen Lebensräumen - Wald,
Wiese, Gebüsch und Feuchtgebiet - zusammengesetzt waren. Und was sich daran in dieser Zeit
verändert hat. Das Zeigerpflanzensystem half dann dabei, diese neuen Entwicklungen mit einem
Wandel der Umweltbedingungen zu verknüpfen. Ein Trend stach hervor: Es gibt in sämtlichen
Lebensräumen immer mehr stickstoffliebende Pflanzenarten wie zum Beispiel die Grosse
Brennnessel im Wald und den Stumpfblättrigen Ampfer auf Wiesen. Die Ursache liegt auf der Hand.
Durch Kunstdünger und Nutztierhaltung sowie durch von Verkehr und Industrie erzeugte Stickoxide
reichert sich immer mehr Stickstoff im Boden an. Die Zunahme solcher Arten ist ein Problem, denn
sie verdrängen Pflanzen wie etwa Orchideen, die magere Böden bevorzugen. Die gute
Nachricht für die hiesige Biodiversität: Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass diese Entwicklung in
der Schweiz inzwischen leicht rückläufig ist. "Es scheint, dass bei uns regionale Massnahmen wie die
Reduktion von Kunstdünger eine Wirkung zeigen. Aber europaweit ist davon noch nichts zu merken",
so Dengler. Weitere Effekte gab es nur in bestimmten Lebensräumen. So verschieben sich
die Zeigerwerte in Wiesen in Richtung schattenliebender Arten - möglicherweise, weil die Vegetation
europaweit gesehen aufgrund von Nährstoffeinträgen oder fehlender Bewirtschaftung immer dichter
wird. Laut Dengler gibt es etwa im östlichen Europa aus sozioökonomischen Gründen riesige
Brachflächen. Diese Überwucherung führt dazu, dass weniger Licht zum Boden vordringt.
Kleinwüchsige, sonnenliebende Arten wie Thymiane und Schlüsselblumen haben daher weniger
Chancen zu gedeihen. Temperatureffekte unerwartet gering Ein Ergebnis war
eher überraschend: "Die Vegetation reagiert deutlich langsamer auf Temperaturerhöhungen, als wir
es vorhersagen würden", so Dengler. Die einheimischen Arten werden also bislang nicht massgeblich
von wärmeliebenden Pflanzen aus südlicheren Ländern oder anderen Kontinenten verdrängt. Eine Erklärung dafür ist, dass diese Arten normalerweise nicht in direkter Nachbarschaft leben
und für eine Neubesiedlung grosse Strecken zurücklegen müssen - sei es durch Verbreitung über
Samen oder als Zufallspassagiere beim Warentransport. Der erwartete Effekt hinkt deshalb vielleicht
den steigenden Temperaturen hinterher. Eine Ausnahme bilden die Schweizer Berge. Hier
wurde in den letzten Jahren nachgewiesen, dass immer mehr wärmeliebende Arten in höhere Lagen
vordringen. Dazu gehören etwa typische Gräser der Tieflagen wie das Englische Raygras oder der
Wiesenfuchsschwanz. Diese müssen dafür keine weiten Wege überwinden, sondern ihren
Lebensraum lediglich um wenige Meter nach oben verlegen - deshalb ist diese Entwicklung
möglicherweise schon jetzt nachweisbar. In den nächsten Jahren wird Dengler Analysen im
Rahmen des SNF-Projekts VegCHange speziell für die Schweiz durchführen. Er will dafür die
Veränderungen in einem feinen Raster von etwa 100 Quadratkilometern dokumentieren - bei der
internationalen Forschungsarbeit waren es etwa 25'000 Quadratkilometer: "Eigentlich gibt es bei uns
so viele Daten wie sonst nirgends. Sie sind bislang nur nicht in einer zentralen Datenbank verfügbar."
Die Ergebnisse sollen für den Nutzen in der Praxis aufbereitet werden. Hierfür können
Stakeholder, etwa aus Politik oder Naturschutz, zusätzliche Forschungsfragen oder Wünsche für die
Datenaufbereitungen einbringen. Dies geschieht zunächst in Graubünden, wo es Daten zu
vielfältigen Landschaften von Ackerland über Moore bis hin zu Lärchenwäldern gibt. Nach und nach
sollen auch andere Kantone dazukommen. "So können wir herausfinden, wo es in der
Schweiz die grössten Artenverluste gibt, und dann mit der richtigen Strategie gegensteuern",
prognostiziert Dengler. Und es wird sich wohl auch zeigen, wo die Biodiversität auf einem guten
Niveau ist, und es reicht, den Status zu erhalten. Pressekontakt:
Jürgen Dengler ZHAW Life Sciences und Facility
Management Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen Grüentalstrasse 14 8820 Wädenswil Tel.: +41 (0) 58 934 50 84 E-Mail: juergen.dengler@zhaw.ch
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