Florentine Hilty ist begeistert: "Unser Cellulose-Gel ist ein sehr cooles Material." Was die
Chemikerin besonders fasziniert: Das milchig-weisse Gel verfügt über thixotrope Eigenschaften:
Geschüttelt oder gerührt wird es dünnflüssig, im Ruhezustand verfestigt es sich wieder. "Damit eignet
es sich als natürliches Additiv für Kosmetika aller Art", so Hilty. Die Wissenschaftlerin leitet die
Forschungs- und Entwicklungsabteilung bei Weidmann Fiber Technology, der jüngste der drei
Geschäftsbereiche der Weidmann-Gruppe. Der 1877 gegründete Mischkonzern ist in
Rapperswil unübersehbar. Am Stammsitz in der Nähe des Bahnhofs sind rund 500 Mitarbeitende
beschäftigt. Stiller Weltmarktführer Ausserhalb der Rosenstadt hingegen ist
die Firma kaum bekannt. Dabei ist sie die weltführende Herstellerin von Isolationssystemen für
Hochleistungstransformatoren, wie sie in Kraftwerken, industriellen Anlagen oder Rechenzentren zum
Einsatz kommen. Die Mehrzahl der weltweit 3700 Weidmann-Beschäftigten fertigt unter dem Namen
Weidmann Electrical Technology Vorprodukte oder Baugruppen für Trafohersteller. Hergestellt
werden die Isolationskomponenten aus verdichteter Zellulose, aus sogenanntem Pressspan. Bereits
Ende der 1920er Jahre experimentierte Weidmann allerdings auch mit isolierenden Kunststoffen.
Daraus sollte das Spritzgussgeschäft und schliesslich der Bereich Weidmann Medical Technology
entstehen. Er produziert Pipetten und anderes hochpräzis gefertigtes medizinisches
Verbrauchsmaterial für den Weltmarkt. "Insofern", erklärt Weidmann-CEO Maximilian Veit, "ist
die Abteilung Weidmann Fiber Technology schon das zweite Spin-off des Stammgeschäfts".
Forschungspartnerschaft mit der Empa Den Anstoss gab eine Kooperation mit der
Empa. Ansprechpartnerin in Dübendorf war die heutige Direktorin des Forschungsinstituts, Tanja
Zimmermann, damals Leiterin des Labors für Zellulose- und Holzwerkstoffe. Cellulosefasern
werden für den Gebrauch immer vorgemahlen. Reine Routine. Doch einmal schickten die
Forschenden das Material aus purer Neugier ein zweites und drittes Mal durch die Mühlen. Was dann
passierte, schildert Florentine Hilty: "In den Fibrillen der aufgeschlossenen Cellulosefasern bilden sich
mikro- und nanoskalige Netzwerke, die immer noch über genügend freie H-Brücken verfügen, um
Wasser zu binden." Das Resultat ist ein Gel aus mikrofibrillierter Cellulose (MFC) mit einem
Wassergehalt von 97 Prozent. 2016 setzte Weidmann mit der Empa das erste F+E-Projekt
zum Thema MFC auf. 2019 erhielt das Projekt einen organisatorischen Unterbau namens Weidmann
Fiber Technology. Und 2023 stiess Florentine Hilty als neue Forschungsleiterin zum unterdessen
siebenköpfigen Team. Zielmarkt Kosmetikindustrie Die
Anwendungsmöglichkeiten des innovativen Gels sind breit: Marktrecherchen lassen auf
Einsatzgebiete unter anderem in der Energie- und Beschichtungstechnik schliessen. "Unser Fokus
liegt aber in der Herstellung von Kosmetika", erklärt Forschungsleiterin Hilty, "Dort wollen wir zu
einem Schlüssellieferanten werden." Es geht um chemische Zusatzstoffe, die für ein
gewünschtes Fliess- und Verformungsverhalten von Salben und Cremes sorgen. Die Fachleute
sprechen von rheologischen Effekten wie eben dem Thixotropismus, der ein Material unter
Krafteinfluss vorübergehend dünnflüssig werden lässt. Der Massenanteil dieser Hilfsstoffe
liegt zwischen fünf und zehn Prozent. Stand heute werden sie praktisch ausnahmslos aus dem
Rohölderivat Propylen gewonnen. Allein im Marktsegment der Beauty-, Make-up- und
Hautpflegeprodukte summiert sich der globale Verbrauch auf rund eine halbe Million Tonnen pro Jahr.
"Mit unserem Gel offerieren wir der Industrie eine fossilfreie Alternative", sagt Florentine Hilty.
Eine Alternative, die preislich wettbewerbsfähig ist und auch funktionale Vorteile bringt. Tests mit
Sonnencremes zeigen, dass MFC die Schutzpartikel besser verteilen als konventionelle Additive und
so den Schutzfaktor erhöhen. Weidmann positioniert sich als Entwicklungspartner einer
Branche, die unter Druck steht: Einerseits durch eine immer strengere Regulierung der Zusatzstoffe,
andererseits durch den Bewusstseinswandel bei den Konsumentinnen und Konsumenten.
Die Kommerzialisierung läuft an Bis jetzt hat der Konzern einen zweistelligen
Millionenbetrag in seine Fasertechnologie gesteckt. Aktuell laufen Dutzende von Pilotprojekten
entlang der Wertschöpfungskette; von der Kosmetikentwicklung über die Lohnfertigung bis zur
Vermarktung. Maximilian Veit zeigt auf eine Reihe von meterhohen Cellulose-Mühlen. Früher
wurden in diesen Hallen Isolatoren für den Export hergestellt. Heute wird im Ausland - direkt bei den
Kunden - produziert. "Deshalb", so Veit, "haben wir hier Platz für neue wertschöpfende Aktivitäten."
Die Mühlen laufen erst im Testbetrieb. Die Batches (also einzelne Produktionschargen)
werden in einem eigens gebauten Testlabor laufend analysiert. Doch Weidmann ist lieferbereit.
"Sobald aus den Pilotprojekten grosse Chargen resultieren, fahren wir die Anlagen hoch", sagt der
CEO. Die wichtigsten Mitbewerber auf dem MFC-Markt sind skandinavische Papierhersteller.
Sie profitieren bei F+E-Projekten, die der Nachhaltigkeit dienen, von direkter Förderung durch den
Standortstaat oder durch die EU. Hochschulen als Standortvorteil Nicht so
die Weidmann-Gruppe. Diesen Nachteil gilt es zu kompensieren - insbesondere durch eine intensive
Kollaboration mit akademischen Einrichtungen wie der Berner Fachhochschule BFH, Departement
Architektur, Holz und Bau in Biel. Dort ist das Cellulose-Gel aus Rapperswil regelmässig Thema von
Bachelor- und Masterarbeiten. Die Studentinnen und Studenten erkunden dessen Potenzial in
Klebstoffen oder Wandverkleidungen. Oder über Projekte mit dem Bundesamt für Umwelt
BAFU. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Weidmann klärten zum Beispiel ab, was nötig
wäre, um den Rohstoff Cellulose künftig aus heimischer Buche zu gewinnen. "Das würde die
Ökobilanz unserer Gels noch einmal markant verbessern", sagt Florentine Hilty. Der Text
dieser Medienmitteilung, Download-Bilder und weitere Informationen stehen auf der Website des
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Nationalfonds Abteilung Kommunikation E-Mail: com@snf.ch
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