Während der Schwangerschaft nehmen mindestens die Hälfte aller Frauen zumindest ein
Medikament ein, etwa aufgrund einer chronischen Erkrankung oder Komplikationen. Viele sind
besorgt, dass sich die Arzneimittel negativ auf das ungeborene Kind auswirken könnten. Tatsächlich ist für die meisten Substanzen nicht bekannt, ob und in welchem Ausmass sie an das
Baby weitergegeben werden. Aus Mangel an Daten sind deshalb viele Medikamente vorsichtshalber
für Schwangere nicht zugelassen - obwohl sie vielleicht gar kein Risiko darstellen. Die
Plazenta kontrolliert, welche Substanzen - ob Nährstoffe oder Medikamente - von der Mutter in den
Blutkreislauf des Kindes gelangen. Dafür müssen die Stoffe erfolgreich zwei verschiedene
Zellschichten durchqueren. Zunächst die dicht stehenden sogenannten Trophoblasten in der
Plazenta, welche mit dem mütterlichen Blut in Kontakt sind. Danach das etwas durchlässigere
Endothel, das die Blutgefässe des Kindes auskleidet, die bis in das Innere der Plazenta reichen. Plazenta und Nabelschnur frisch ab Entbindung Das Problem: Bislang gibt es
kein gutes Modell, um den Austausch von Stoffen über diese Barriere zu untersuchen. "Die Plazenta
funktioniert je nach Lebewesen sehr unterschiedlich. Tierversuche reproduzieren also nicht immer
gut, was im Menschen passiert", sagt die unter anderem vom SNF geförderte Biomedizinerin
Christiane Albrecht. Ihr Team von der Universität Bern hat nun ein Labormodell entwickelt, das
Transportvorgänge in der menschlichen Plazenta besser widerspiegelt als bisherige Methoden. Dafür haben die Forschenden die beiden Zellschichten in kleinen Plastiknäpfchen angesiedelt,
getrennt durch eine durchlässige Membran. Die obere Schicht besteht aus Trophoblasten, die untere
Schicht aus Endothelzellen. Wird nun eine Substanz auf der oberen Seite hinzugefügt, so lässt sich
mitverfolgen, ob und wieviel davon die beiden Zellschichten durchdringt und auf der anderen Seite
ankommt. Dies simuliert den Stofftransport von der Mutter über die Plazenta bis in den Blutkreislauf
des Kindes. Das Besondere an diesem System: Die Zellen stammen von Plazenta und
Nabelschnur von soeben stattgefundenen Entbindungen. Dadurch verfügen sie über Fähigkeiten, die
bei lange im Labor gezüchteten Zellkulturen mit der Zeit verloren gehen. Gewisse
Substanzen sofort wieder hinausbefördert "Unser Modell imitiert die Schlüsselfunktionen
in der Mikroumgebung der Plazenta sehr effektiv", sagt Postdoktorandin Barbara Fuenzalida,
Erstautorin der Studie. Die Forschenden konnten beispielsweise nachweisen, dass fettlösliche Stoffe
wie Koffein durch die beiden Zellschichten diffundieren - ähnlich wie dies auch im Körper einer
Schwangeren geschieht. Sie konnten zudem zeigen, dass in den Trophoblasten auch die
speziellen Transportproteine vorhanden sind, die im Mutterleib Nährstoffe wie Aminosäuren oder
Zucker zum Kind schleusen. Besonders wichtig: Es gibt im Labormodell auch die Transporter, die
unerwünschte Substanzen postwendend wieder aus der Zelle hinaus transportieren. Dazu
gehören zum Beispiel Medikamente wie das Immunsuppressivum Cyclosporin oder Steroide. Lange
im Labor kultivierte Zellen haben diese Funktion teilweise verloren. "Der Rücktransport ist natürlich
unglaublich wichtig, um das ungeborene Leben zu schützen", sagt Albrecht. Ein
Mehrzweckorgan für 40 Wochen Eine weitere Neuheit: Die Flüssigkeiten, welche die
Zellschichten bedecken, werden mithilfe von Minipumpen ständig in Bewegung gehalten. Das imitiert
den mütterlichen und kindlichen Blutfluss, der wichtige Funktionen der Plazenta stimuliert. Im Modell
produzierten umspülte Trophoblasten beispielsweise grössere Mengen des
Schwangerschaftshormons Choriongonadotropin als in einer unbewegten Flüssigkeit. Mit
dem neuartigen Modell möchten die Forschenden nun nicht nur den Weg von Medikamenten
untersuchen. Sie interessieren sich auch für den Transport von anderen Stoffen wie Eisen und
Cholesterin. "Die Plazenta ist ein faszinierendes Organ, das während vierzig Wochen
Schwangerschaft unter anderem die Aufgaben von Lunge, Darm, Leber und hormonproduzierenden
Organen übernimmt", sagt Albrecht. "Es ist schade, dass vergleichsweise wenig Forschung dazu
betrieben wird." Nicht zuletzt können solche Modelle auch dazu beitragen, die Zahl an
Tierversuchen zu reduzieren - etwa in der Medikamentenentwicklung. Für eine Anwendung im
grossen Massstab ist die Methode im Moment allerdings noch zu arbeitsaufwändig. Deswegen findet
Albrecht: "Wir müssen als nächstes prüfen, was wir noch vereinfachen können, um unser System
routinemässig zum Beispiel für Toxikologietests verwenden zu können." B. Fuenzalida et al.:
A primary cell-based fluidic co-culture model to investigate drug transport across the human placenta.
The Journal of Physiology (2026) Der Text dieser News und weitere Informationen stehen auf
der Webseite des Schweizerischen Nationalfonds zur Verfügung. Pressekontakt: Christiane Albrecht Universität
BernInstitut für Biochemie und Molekulare Medizin Bühlstrasse 28 3012 Bern Tel.: +41 31 684 41 08 E-Mail: christiane.albrecht@unibe.ch
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