Hätten Europa und die USA den Ukrainekrieg verhindern können? Diese Frage lässt sich wohl
nie abschliessend beantworten. Modelle aus den Wirtschaftswissenschaften machen es aber
möglich, Hypothesen zu testen. Mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds (SNF)
untersuchte Mathias Thoenig folgende Option: Der Westen droht schon 2021 mit Sanktionen, als die
russischen Truppen entlang der ukrainischen Grenze Stellung beziehen. Und er kann dem Kreml
glaubhaft machen, dass bei einer Invasion sofort Sanktionen verhängt werden. Nach der
Invasion wurden tatsächlich Massnahmen ergriffen. Die von Thoenig, der an der Universität
Lausanne forscht, gemeinsam mit Thierry Mayer und Isabelle Méjean von Sciences Po Paris
durchgeführte Studie legt nahe, dass die Interessenabwägungen Moskaus möglicherweise anders
ausgefallen wäre, wenn man bereits zuvor mit ähnlichen Mitteln gedroht hätte. Das sind etwa:
Beschränkung des Zugangs zu internationalen Finanzdienstleistungen, Exportverbote für sensible
Technologien und Sanktionen gegen bestimmte dem Kreml nahestehende Institutionen.
Virtuelle Welt zum Vergleich Die vom Centre for Economic Policy Research (CEPR)
veröffentlichte Analyse (*) beruht auf virtuellen Simulationen von geopolitischen Szenarien. Laut
Thoenig hat das Forschungsteam mithilfe einer computergestützten Modellierung ein
"kontrafaktisches" Experiment durchgeführt. Dabei wird eine virtuelle Welt kreiert, die als
Vergleichswelt zur realen dient. "In den Wirtschaftswissenschaften und der internationalen
Zusammenarbeit kann man nicht immer kontrollierte Experimente wie im Labor durchführen oder eine
Interventions- und Kontrollgruppe bilden", erklärt der Forscher. "Die Lösung ist es, eine alternative
Welt zu fingieren." Das Modell stellt den tatsächlichen Verlauf der Ereignisse dem
hypothetischen Szenario gegenüber. In diesem hätte der Westen Russland bereits 2021 mit den
Sanktionen gedroht. Dies soll Aufschluss darüber geben, ob die Drohung die strategischen Kalküle
Russlands hätte verändern können. Dabei wurden zwei Arten von Daten verwendet. Zum
einen sind das historische Informationen über die internationalen Konflikte des 20. Jahrhunderts. Zum
anderen sind es hochdetaillierte Angaben zu den globalen Wertschöpfungsketten, also zu den
Produktions- und Handelsnetzwerken, welche die Volkswirtschaften weltweit miteinander verbinden.
So kann eingeschätzt werden, wie Unternehmen, Konsumierende und Regierungen
reagieren, wenn sie sehen, dass ein Konflikt und Sanktionen gravierende Handelsengpässe nach
sich ziehen werden. Die Forschenden berechnen, wie diese Reaktionen die politische Entscheidung
zugunsten einer gewaltsamen oder einer friedlichen Lösung beeinflusst hätten. Der Ansatz
der Studie beruht auf der These des "sanften Handels", welche Diplomatie und internationale
Zusammenarbeit seit mehreren Jahrhunderten prägt. Montesquieu stellte sie 1748 in seinem Werk
"De l'Esprit des Lois" (Vom Geist der Gesetze) auf. Demnach reduzieren Handelsbeziehungen
zwischen Ländern das Risiko kriegerischer Auseinandersetzungen, da es für diese dann mehr zu
verlieren gibt. "Handel wirkt naturgemäss friedensstiftend. Zwei Völker, die miteinander
Handel treiben, machen sich voneinander abhängig", schrieb der Philosoph. Die nach dem zweiten
Weltkrieg entstandene internationale Handelsordnung beruht weitgehend auf diesem Konzept. Handelsbeziehungen einzustellen ist ein zweischneidiges Schwert Wirtschaftssanktionen nutzen solche globalen Verflechtungen, um die Kriegskosten zu erhöhen.
Diese wurde im Fall Russland wie folgt getan: Es Das Land wurde aus dem internationalen
Zahlungssystem ausgeschlossen, es gab in den sanktionierenden Ländern Einschränkungen der
Exportkapazitäten oder sogar Ausfuhrverbote für Güter und Dienstleistungen, die für das
Funktionieren der russischen Industrie notwendig sind. Die Simulationen zeigen, dass die
Annexion der Krim 2014 die geopolitischen Spannungen zwischen Russland und der Ukraine
massgeblich beeinflusste. Ab diesem Zeitpunkt begann die Ukraine, ihre Handelsabhängigkeit
gegenüber Russland zu reduzieren und ihre Wirtschaft verstärkt auf Europa auszurichten. Ziel dieser
- durchaus erfolgreichen - Strategie war es, Moskau der Druckmittel gegenüber Kiew zu berauben.
Allerdings hatte diese Entkoppelung einen paradoxen Effekt: Die Schwächung der
Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Ländern reduzierte auch die potenziellen Verluste, die
Russland mit einem Krieg gegen die Ukraine riskierte. Seit Beginn der 2020er Jahre hielten sich die
Kosten des Konflikts für Moskau daher in Grenzen. Mit der glaubhaften Androhung schwerer
Sanktionen für den Fall eines Angriffs hätten Europa und die USA den russischen Machthabern
indessen klarmachen können, dass der wirtschaftliche Preis einer militärischen Eskalation dennoch
hoch sein würde. Die Erkenntnisse dieser Studie sind nicht nur in Bezug auf den Ukrainekrieg
relevant. Sie werfen ein neues Licht auf eine generelle globale Entwicklung: Seit einigen Jahren
greifen Grossmächte nämlich vermehrt auf Strategien zur wirtschaftlichen Entkoppelung zurück:
Rückverlagerung von Produktionsstätten, Handelsbeschränkungen, Fragmentierung der Lieferketten.
Laut Thoenig könnte dieser Trend unvorhergesehene geopolitische Folgen haben, denn er
reduziert die wechselseitige wirtschaftliche Abhängigkeit der Länder. Dadurch könnte er einen
Mechanismus schwächen, der in der Vergangenheit zur Konfliktbegrenzung beigetragen hat. Mit
anderen Worten: "Je mehr die Volkswirtschaften auseinanderdriften, umso mehr nehmen die
wirtschaftlichen Kosten eines Kriegs ab. Dies wiederum könnte das Risiko kriegerischer
Auseinandersetzungen erhöhen." Pressekontakt: Mathias Thoenig Universität Lausanne Faculty of Business and Economics
(HEC) Tel.: +41 21 692 33 93 E-Mail:
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