Eigentlich strebte Tobias Gerfin eine akademische Karriere an. Nach dem Abschluss des
Chemiestudiums bewarb er sich um ein Forschungsstipendium des Schweizerischen Nationalfonds
(SNF). Das Gesuch wurde abgewiesen, und Gerfin ging in die Privatwirtschaft, blieb aber immer
wissenschaftlich interessiert. 2013 stiess er als CEO zu Kuhn Rikon. "Seither", so Gerfin, "ist die
Auseinandersetzung mit den Werkstoff- und Materialwissenschaften fester Bestandteil meines
Pflichtenhefts". Über 50 Prozent Exportanteil Im zürcherischen Rikon werden
seit 1899 Pfannen, Töpfe und andere Küchenutensilien produziert - seit genau 100 Jahren unter dem
Markennamen Kuhn Rikon. In Deutschland, Spanien, Grossbritannien und den USA betreibt Kuhn
Rikon eigene Vertriebsniederlassungen. Der Exportanteil liegt bei gut 50 Prozent. Insgesamt
beschäftigt das Unternehmen 270 Mitarbeitende, 130 davon im strukturschwachen Tösstal. Die Marke Kuhn Rikon ist bestens etabliert. Der Umsatz wächst kontinuierlich. Ein Selbstläufer
sei diese starke Stellung allerdings nicht, betont Tobias Gerfin: "Wir stehen für Nachhaltigkeit und
Schweizer Qualität. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, ist viel Arbeit nötig". Bestehende
Produkte werden laufend verbessert; zum Beispiel die Stahlpfannen, die auf Induktionsherden zu
Verfärbungen neigten. Kuhn Rikon wandte sich an die akademische Forschung und startete ein
materialwissenschaftliches Projekt mit der Hochschule Luzern. Inzwischen ist das Problem behoben.
Innovation plus Nachhaltigkeit Der Markenpflege dient auch die Lancierung
neuer Produkte, die auf technischem und wissenschaftlichem Fortschritt basieren. Die jüngste
Innovation präsentierte Kuhn Rikon mit dem Entwicklungspartner Miele letzten September: eine
Pfanne, die via Bluetooth mit dem Herd kommuniziert. Parallel zur Sortimentsentwicklung löst
Kuhn Rikon die Selbstverpflichtung zur Nachhaltigkeit ein: Der CO2-Fussabdruck schrumpfte seit
2022 umsatzbereinigt um 50 Prozent. Möglich machte es die Schliessung eines äusserst
energieintensiven Stoffkreislaufs: Die Alu-Pfannen aus dem Tösstal bestehen unterdessen zu 100
Prozent aus Rezyklaten. Das nächste Recycling-Projekt gilt dem hitzefesten Kunstharz, aus
dem viele Topf- und Pfannengriffe bestehen. Derzeit wird das Bakelit im Zuge der Entsorgung
gebrauchter Pfannen verbrannt. Ein erster Anlauf mit dem Kunststoff-Ausbildungs- und Technologie-
Zentrum (KATZ), das Material zurückzugewinnen, schlug fehl. Doch aufgeben ist keine
Option. Gerfin vertraut auf die Kreativität der Wissenschaftsgemeinschaft. Er ist zuversichtlich, dass
sie für die meisten industriell verbauten Materialien Recycling-Verfahren finden und an die Schwelle
zur Marktreife bringen wird. "Langfristig", so seine Überzeugung, "werden wir hier in Rikon kaum noch
Primärrohstoffe benötigen". Die Sache mit dem Polytetrafluorethylen Und
schliesslich ist da noch das Thema Polytetrafluorethylen, kurz PTFE oder Teflon genannt. Es hängt
wie ein dunkler Schatten über der ganzen Branche, denn PTFE gehört zur Gruppe der
vieldiskutierten per- und polyfluorierten Alkylverbindungen (PFAS). Stand heute ist PTFE als
Antihaftbeschichtung unschlagbar. Der Chemiker Gerfin gerät ins Schwärmen: "Fluor ist monogam.
Kaum ein anderes Element geht so ungern neue Verbindungen ein". Daher stossen mit Fluor
ummantelte Kohlenstoffketten Wasser, Öle und Fette auch bei hohen Temperaturen ab. Die
hohe chemische Beständigkeit hat PTFE mit vielen fluorierten Polymeren gemeinsam. Ihr verdanken
die PFAS den Namen "Ewigkeitschemikalien", und die sogenannte Persistenz ist es auch, die Anlass
zu gesundheitlichen Bedenken gibt: Einmal in Gewässern oder Böden freigesetzt, reichern sich PFAS
an und gelangen schliesslich in tierische und menschliche Nahrungsketten. Die chronische Exposition
gegenüber bestimmten PFAS wird mit Störungen des Immunsystems, erhöhten Cholesterinwerten,
krebserzeugenden Effekten sowie Beeinträchtigungen der Fortpflanzung in Verbindung gebracht. Der Bund legte daher unlängst neue Höchstwerte in Fleisch, Eiern und Fisch fest. Noch einen
Schritt weiter will die EU gehen: Die Europäische Chemikalienagentur publizierte 2023 einen
Beschränkungsvorschlag, der PFAS aus industriellen Produkten und Prozessen verbannen will. Das
Konsultationsverfahren läuft. Ab frühestens Ende 2026 wird bekannt, welche Branchen von einem
Komplettverbot betroffen sein werden. "Wir hoffen, dass es für PTFE eine Ausnahme geben wird",
sagt Tobias Gerfin. Sein Argument: PTFE ist kaum wasserlöslich und im Gegensatz zu vielen
kurzkettigen PFAS - wie sie in Funktionsbekleidung und Lebensmittelverpackungen vorkommen -
nicht mobil. Doch Vorbereitung ist alles. In Rikon befasst man sich seit Jahren mit dem Thema PTFE-
Substitution; auch weil Teflon-Beschichtungen keineswegs perfekt sind: Sie sind kratzanfällig und
haben verglichen mit Edelstahlprodukten eine kürzere Lebenszeit. Lotuseffekt auf
Pfannenböden Gerfin und seine Mitarbeitenden haben schon vieles ausprobiert:
Gemeinsam mit Forschenden der Empa in Dübendorf dachten sie über die Bearbeitung des
Pfannenstahls mit Lasern nach. Dies mit dem Ziel, eine physikalische Antihaftstruktur - einen
sogenannten Lotuseffekt - zu erzeugen. Am PSI in Villigen diskutierte Gerfin über alternative
Materialien basierend auf Seltenen Erden. Mit Forschungseinrichtungen der deutschen Fraunhofer-
Gesellschaft sprach er über das Potenzial von zweidimensionalem Kohlenstoff, von sogenanntem
Graphen. "Weltweit", so schätzt Gerfin, "wurden schon über 1000 Projekte gestartet mit dem Ziel,
Beschichtungen mit den Antihafteigenschaften von Teflon zu finden". Sollte PTFE unter ein
striktes Freisetzungsverbot fallen, träte eine 18-monatige Übergangsfrist in Kraft. Danach dürfte in der
EU kein teflonbeschichtetes Kochgeschirr mehr verkauft werden. "Für unsere Branche wäre das ein
herber Schlag", erklärt CEO Gerfin, "allein die Investitionen in neue Produktionsanlagen waren
beträchtlich" Doch Tobias Gerfin ist zuversichtlich: "Wir setzen unsere Hoffnung in die
Grundlagenforschung". Sobald eine echte PTFE-Alternative auftaucht, will er zu den ersten
Anwendern gehören. Der 60-jährige Kuhn Rikon-CEO investiert rund 15 Prozent seiner
Arbeitszeit in die Beschaffung und Verarbeitung von technischen Informationen. Er liest
wissenschaftliche Publikationen, nimmt an Workshops und Konferenzen teil, oder tauscht sich mit
den Verantwortlichen der Technologietransferstellen der Schweizer Hochschulen aus. Wissenschaft und Forschung machen ihm sicht- und hörbar Spass. Was, wenn er damals das
Stipendium des SNF erhalten hätte? Tobias Gerfin lacht: "Dann hätte ich all die spannenden Jahre
hier in Rikon verpasst". Dank der produktiven Mischung aus unternehmerischen Innovationen und
akademischen Kooperationen konnte der Unternehmer seinem Interesse für die Forschung auch so
nachgehen. Der Text dieser News, ein Download-Bild und weitere Informationen stehen auf
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