In Äthiopien sind Schuluniformen Pflicht. Sie haben eine wichtige soziale Funktion: Sie schützen
Kinder aus besonders armen Familien davor, mit ihrer zerschlissenen Alltagskleidung in den
Unterricht gehen zu müssen. In Debre Berhan, einer Stadt zwei Autostunden nördlich der
Hauptstadt Addis Abeba, produzieren lokale Schneiderinnen und Schneider eine einfache
Schuluniform aus Kunstfaser für lediglich 835 Birr, umgerechnet rund vier Franken. Doch
selbst diese Summe können sich viele binnenvertriebene Familien in der Stadt nicht leisten. Deshalb
verfügte die Stadtverwaltung, dass die Kinder den Unterricht in ihrer Alltagskleidung besuchen dürfen.
Aber diese als Erleichterung gedachte Massnahme hatte für die Kinder ihren Preis. "Viele
von uns schämten sich wegen ihrer alten Kleidung", sagt der 15-jährige Dawit. Kinder aus
vertriebenen Familien besitzen oft nur die Sachen, die sie am Leibe tragen. Die Textilien sind häufig
ausgebleicht, dünn gescheuert und zerrissen. "Wir wurden sofort von allen als Vertriebene erkannt",
sagt Dawit. "Damit waren wir Aussenseiter und wurden oft auch angefeindet." Schule ist
ein Anker "Wir erfuhren während eines Monitoring-Besuchs in Debre Berhan von dem
Leid der geflüchteten Kinder", berichtet Claudio Capaul, Co-Geschäftsführer des Schweizer
Hilfswerks
Lokale Schneiderinnen und Schneider kamen an die Tebase Medahnialem-Primarschule, nahmen
Mass bei den Kindern und notierten Grössen und Namen. "Die lokale Wirtschaft zu fördern, war ein
willkommener Nebeneffekt", sagt Claudio Capaul. Die Schneider von Debre Berhan haben ihre
Arbeitsplätze an Strassenecken unter Plastikplanen oder in der engen Wohnstube eines
Lehmhauses. Stoff wurde zugeschnitten, Säume gesetzt, Knöpfe angenäht. Die fussbetriebenen
Maschinen liefen tagelang. Nun haben 1721 Kinder bei einer feierlichen Übergabe ihre Uniform
erhalten. "Endlich fühle ich mich gleichwertig mit den anderen", sagt Erhemia, ein 14-jähriges
Mädchen. "Ich habe mehr Lust zu lernen. Ich denke jetzt: Ich kann etwas aus mir machen."
Konflikte im Vielvölkerstaat In Debre Berhan leben zahlreiche Binnenvertriebene, die
vor Gewalt und Unsicherheit aus ihren Herkunftsregionen fliehen mussten. In der Stadt sind drei
offizielle Lager registriert, in denen aktuell 25'608 Personen leben. Zusätzlich sind 11'822 weitere
Menschen in privaten Wohnungen untergeschlüpft. Damit sind rund zehn Prozent der Stadtbewohner
Binnenvertriebene. Viele der Familien stammen aus verschiedenen Zonen der Region Oromia, wo
langandauernde Konflikte sie zur Flucht gezwungen haben. Äthiopien ist ein Vielvölkerstaat
mit über 80 ethnischen Gruppen, in dem lokale und regionale Spannungen immer wieder zu
gewaltsamen Auseinandersetzungen führen. Seit mehreren Jahren, besonders seit dem Krieg in der
nördlichen Region Tigray, sind rund zwei Millionen Menschen im eigenen Land auf der Flucht. Hinzu
kommen rund eine Million Menschen, die vor Konflikten in Nachbarstaaten als Flüchtlinge Schutz
suchen. Traumberuf: Buchhalterin Eine der Vertriebenen ist auch die 13-
jährige Meseret. Ihre Familie floh aus der Gegend von Wollega in der Region Oromia. Dort hatten sie
Land gepachtet und von Landwirtschaft und Viehhaltung gelebt. Als sich die Sicherheitslage
verschlechterte und es zu gewaltsamen Übergriffen kam, verlor die Familie ihr Zuhause und ihre
wirtschaftliche Existenz. Heute lebt Meseret mit ihrem Vater in Debre Berhan. Die Mutter ist nach
Saudi-Arabien migriert. Dort arbeitet sie als Hausangestellte, um ein paar Dollar an die Familie
senden zu können. Deshalb übernimmt Meseret jetzt neben der Schule auch die Hausarbeit. "Ich
habe mich minderwertig gefühlt, ohne Uniform", sagt Meseret. "Aber jetzt habe ich nicht mehr das
Gefühl, dass alle in mir nur das vertriebene Mädchen sehen." Sie will jetzt fleissig lernen.
Buchhalterin oder Bankerin möchte sie werden. Zahlen in ein System bringen, Ordnung, Struktur,
Sicherheit. Für viele klingt das unspektakulär. Für Meseret ist es ein Traumberuf. Spendenkonto: Postkonto 90-700 000-4 IBAN: CH97 0900
0000 9070 0000 4 Online spenden: Für
zusätzliche Informationen oder Interviews mit Experten, wenden Sie sich bitte an: Michael Kesselring |
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